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Zuletzt aktualisiert: 08.08.2010 um 06:18 UhrKommentare

Hoschek: "Seid nicht so irrsinnig verspießert!"

Für die Modedesignerin Lena Hoschek bleibt Graz "Homebase". Sie wünscht sich nur mehr Unternehmergeist und weniger Vorschriften.

Designerin Lena Hoschek im Interview

Foto © ScheriauDesignerin Lena Hoschek im Interview

Wie kommt eine junge Frau auf die Idee, sich den Steirischen Panther auf den Unterarm tätowieren zu lassen?

LENA HOSCHEK: Schon als Teenager wollte ich mich tätowieren lassen. Das ist aber etwas sehr Intimes und ich kannte niemanden - bis ich mit 26 die Mischpoche von "Mystery Touch" in Gleisdorf kennengelernt habe. Da ich viel durch die Weltgeschichte gondle, brauche ich starke Wurzeln. Und so trage ich meine Heimat immer mit mir herum. Ich bin stolz, wenn ich im Ausland auf den Panther angesprochen werde. Viele glauben zuerst, es sei ein chinesischer Drache. Dann fange ich immer gleich an, von der Steiermark zu erzählen.

Ihr Unterarm hat aber noch keinen Sponsoringvertrag mit dem Tourismusverband?

HOSCHEK: Nur her damit! Im Ernst: Ich war schon Maskottchen der Österreichwerbung in Schweden. Ich habe meine Heimat eben immer schon geliebt.

Haben die Steirer Stil? Und wenn ja: welchen?

HOSCHEK: So allgemein kann man das nicht sagen. Nur auf die Tracht bezogen: Als ich 13, 14 war, wollte ich unbedingt ein Dirndl. Die Dorfjugend in Pöllau, wo meine Mama herkommt, hat mich angeschaut, als würde ich komplett spinnen. Mittlerweile ist Tracht auch dort voll in. Und das Heimatbewusste wird immer stärker.

Wie beurteilen Sie den Stil des Landeshauptmannes, Franz Voves, und jenen seines Herausforderers, Hermann Schützenhöfer?

HOSCHEK: Sie gehen beide auf Nummer sicher: gefestigter Herrenstil oder Tracht. Immer ganz fesch, da kann man nicht motzen.

Heute entwerfen Sie unter anderem auch selbst Trachtenkleider. Es gibt Puristen, die sagen, diese verhielten sich zu Tracht wie volkstümlicher Schlager zu Volksmusik. Beleidigt Sie das?

HOSCHEK: So leicht bin ich nicht zu beleidigen! Tracht gibt es ja nicht erst seit den Dreißigerjahren, als die Regeln festgelegt wurden, an die sich das Handwerk heute noch hält. Es gibt sie seit Hunderten von Jahren und sie hat sich immer wieder der Mode angepasst: Taille weiter oben, Taille weiter unten. Warum sollte man heute in der Entwicklung stehen bleiben? Tracht ist kein Museumsstück.

Sowohl Tracht als auch der Fifties-Style, in dem der Großteil Ihrer Kollektionen gehalten ist, steht für ein konservatives Frauenbild. Zufall oder Absicht?

HOSCHEK: Ich mag einfach Frauen mit Kurven. So primitiv ist das. Wäre ich ein Mann, würde ich ein paar Kilo zu viel eher verzeihen als ein paar Kilo zu wenig. Ich nehme weder für den Laufsteg noch für Kataloge magere Models. Ich will dünne Mädels jetzt aber nicht fertigmachen! Audrey Hepburn oder Grace Kelly waren trotzdem sehr weiblich und elegant.

Gut, aber Mode hat immer auch eine Botschaft. Was drückt eine Lena-Hoschek-Trägerin aus?

HOSCHEK: Für meine Kleider braucht man schon eine Portion Selbstbewusstsein. Und die Trägerin muss sich aufrichten. Es ist schön zu sehen, wenn dieser Effekt eintritt.

Aber eignet sich dieses schwarze Kleid, das Sie gerade anhaben, auch fürs Büro?

HOSCHEK: Klar! Wenn dann Komplimente kommen, das gibt einem den Kick und ein ganz neues Selbstbewusstsein. Man wird anders wahrgenommen, wenn man sich weiblich anzieht. Aber nicht nur als Objekt, wie mir das Feministinnen vorwerfen, die glauben, ich will die Frauen zurück an den Herd schicken. Ich sehe das ganz anders: Ich bin in einer Zeit in der Steiermark aufgewachsen, in der weibliches Selbstbewusstsein total selbstverständlich war. Ich habe nie Zweifel daran gehabt, dass ich als Frau eine eigene Firma gründen kann. Ich bin im Grunde total feministisch! Aber ich brauche keine Lehrerinnen, die mir sagen, wie ich das leben soll.

Also mehr Charlotte Roche als Alice Schwarzer?

HOSCHEK: Hm, ja. Sagen wir so: Für mich gibt es keinen Geschlechterkampf. Make love, not war. Aber mir ist klar, dass ich persönlich auf die Butterseite gefallen bin. Andere Frauen, in anderen Berufssparten haben es sicher schwerer.

Sie haben Geschäfte in Graz und Wien, planen einen Onlineshop, Ende August eröffnen Sie in Berlin . . .

HOSCHEK: Mitten in Mitte. Richtig fett! Und ich lasse in Zürich ein Lokal suchen.

Sie sagen, Sie hätten nie Zweifel daran gehabt, dass Sie eine Firma gründen können. Bekommen Sie bei dieser schnellen Expansion, bei diesen Investitionen nicht manchmal doch Angst?

HOSCHEK: Ich bin nicht ganz doof und nicht ganz ungeschickt, ich bin fleißig und größenwahnsinnig - das ist eine gute Kombi. Man muss sich was zutrauen! Zusperren kannst du immer noch. Ich muss mich im Moment leider auch nach neuen Produktionsfirmen umschauen.

Bisher haben Sie ausschließlich in der Steiermark produzieren lassen. Bleiben Sie auch in dieser Frage der Heimat treu?

HOSCHEK: Das Um und Auf für mich ist, dass jedes Teil perfekt gefertigt wird. Ich muss aber auch den schmalen Grat zwischen Heimatbewusstsein, nachhaltigem und geschäftsmännischem Denken gehen. Es ist bitter, denn ich würde sehr gerne Arbeitsplätze in der Steiermark erhalten, aber ich suche jetzt auch in der EU, zum Beispiel in Slowenien. In Fernost werde ich aber nie produzieren.

Was wünscht sich die Jungunternehmerin Hoschek von der Landespolitik?

HOSCHEK: Wir haben eh versucht, über das Land Förderungen für unsere Produktionsfirma aufzustellen. Aber auch die steirische Politik muss wirtschaftlich denken. Es ist eine Krux mit den Lohnnebenkosten in Österreich. Und auch ich bin mir meiner sozialen Verantwortung bewusst, aber ich will nicht in Schönheit sterben.

Eine konkrete Forderung?

HOSCHEK: Ich freue mich schon dermaßen auf den Laden in Berlin Mitte. Dort gibt es kein Geschäft, kein Café, das nicht eine Bank auf den Gehsteig stellt - ohne dass einen gleich der Nachbar anzeigt. Berlin ist cooler, lässiger, lebendiger. Dagegen schaut Graz mit seinem Mieterschutz und den tausend anderen Vorschriften und Gebühren aus wie ein Altersheim. Dabei gibt es hier auch genug Pensionisten, die es gerne lockerer hätten. Also meine Forderung an die Verwaltung: Seid nicht so irrsinnig verspießt und bewegt eure Ärsche! Ich liebe Graz ja . . .

Wo ist Ihr Lebensmittelpunkt?

HOSCHEK: Mein Krempel steht in Wien. Die Firmenzentrale bleibt aber in Graz. Ich bin jetzt 29 Jahre alt und werde noch ein paar Jahre versuchen, alles wie wild einzureißen. Dann will ich eine Familie und auf jeden Fall nach Graz zurückkehren.

Das Nest baut man zu Hause?

HOSCHEK: Ja, dort habe ich meine Mama, meinen Großeltern, dort ist es wie am Land. Graz ist toll und hat eine sensationelle Lebensqualität. Graz bleibt meine Homebase. Aber, wenn ich nicht ständig in der Welt unterwegs bin, wird es mir dort schnell zu eng.

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Zur Persone

Lena Hoschek, geboren am 23. April 1981 in Graz.

Karriere: 2003 Diplom an der Modeschule Hetzendorf in Wien. Danach Assistenz bei Vivienne Westwood in London. 2006 Eröffnung eines Ateliers in Graz. Heute Geschäfte in Graz, Wien, ab Ende August auch in Berlin. Ihre Kollektionen werden europaweit bejubelt, zuletzt bei der Berliner Fashion Week.

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