Personalisierte Medizin als Chance
Die Zukunft weiter Bereiche der Medizin soll in einer zunehmenden Personalisierung liegen. Genomanalysen und molekularbiologische Charakterisierung von Krankheitsprozessen spielen in dieser zunehmenden Individualisierung der Therapie eine überragende Rolle.
In einem Einführungsvortrag zu einem zweitägigen Symposium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ihrer deutschen Schwestergesellschaft "Leopoldina" betonte Donnerstagabend der Philosoph Peter Sloterdijk (Karlsruhe) die Chancen und die Herausforderungen dieser Entwicklung.
An sich, so der Philosoph, habe die Wissenschaft schon längst den Weg in Richtung der Enthüllung der mit bloßem Auge nicht sichtbaren Abläufe - auch in der Medizin - beschritten. Dies hätte schon mit der Erfindung des Mikroskops im 17. Jahrhundert begonnen: "Da treten neben die Teleskope die Mikroskope." Das Konzept der Urzeugung wurde widerlegt, der Philosoph: "Alles Leben kommt aus dem Ei. Von dieser Zeit an steht der Mensch erstmals am 'Nanoabgrund'."
Direkt am Menschen
Mit dem britischen Gelehrten Robert Hook, der bald darauf "Zellen" von Korkrinde sichtbar gemacht habe (im Jahr 1665), hätte man den "architektonischen Begriff der 'Zelle'" als kleinste biologische Einheit" etabliert. Mit Ende des 19. Jahrhunderts sei schließlich klar geworden: "Das Leben bedeutet die Erfolgsphase des Immunsystems." Individuelle Charakteristika des Organismus, des einzelnen Menschen, würden entscheiden, wie lange er im permanenten Kampf gegen Krankheitserreger etc. siege.
Gleichzeitig könne die Medizin niemals mehr sagen, sie kümmere sich nicht um den Einzelnen. Es gehe zu wie in einem vom deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte genannten Beispiel, bei dem ein Schneider bei einer Kleideranprobe den Kunden mit einer Nadel steche. "Das bin ja ich", sagt der Kunde. Der Mensch könne sozusagen nicht aus seiner Haut heraus, und die Medizin sei direkt am Menschen angelangt.
Freilich, zu viel Wissen - zum Beispiel über die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen Erkrankung, über bevorstehenden Krankheitsverlauf, Chancen auf Heilung und Risiken für Leid und Tod - würden laut Sloterdijk auch eine enorme Herausforderung darstellen: "Wie viel Wissen ist mir überhaupt verträglich?" Dies trifft wohl speziell für die Onkologie zu. Die Krebsmedizin mit der Berücksichtigung ganz individueller molekularbiologischer Charakteristika von Tumoren ist derzeit ja in der "Personalisierten Medizin" ein Paradebeispiel.
Doch für den Philosophen bietet gerade die moderne Medizin auch unerhörte Chancen für die Menschen: "Die Medizin ist das letzte Refugium des Geistes der Utopie. Die Medizin ist die letzte Instanz, die den Auftrag erfüllt, dem Leben Wege zu eröffnen. Wie soll sie Wege eröffnen, wenn sie nicht die Person erreicht?"


















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