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Zuletzt aktualisiert: 07.02.2012 um 20:30 UhrKommentare

Birgit Minichmayr: "Der Beruf ist meine Tankstelle"

Im Wettbewerb der morgen beginnenden Berlinale 2012 ist Österreich mit keinem Film vertreten. Dafür aber mit Birgit Minichmayr (34) in einer deutsch-norwegischen Produktion, die, so hofft sie, auch bei der Jury "Gnade" findet.

Schauspielerin Birgit Minichmayr

Foto © APASchauspielerin Birgit Minichmayr

F rau Minichmayr, sie waren 2001 bei der Berlinale Österreichs "Shooting Star". 2009 gewannen Sie für Ihre Leistung im Film "Alle Anderen" den Silbernen Bären. Jetzt, 2012, sind Sie wieder mit einem offiziellen Beitrag im Bewerb, mit Matthias Glasners "Gnade". Außerdem sind Sie Mitglied der Amnesty-Jury. Berlin scheint ein guter Nährboden für Sie zu sein?

BIRGIT MINICHMAYR: Alles war wohl glückliche Fügung. Die Berlinale ist ein tolles Festival mit einem tollen Publikum, und die Drehzeit mit Matthias Glasner zu "Gnade" war eine ganz besondere. Ich freue mich, dass der Film für so gehaltvoll befunden wurde, dass man ihn in den Wettbewerb genommen hat. Schön, dass das Warten auf ein gutes Drehbuch belohnt wurde.

In "Gnade" heißen Sie Maria und wollen mit ihrem Freund Niels in Norwegen ein neues Leben beginnen. Ein paar Monate später begeht Maria nach einem Unfall Fahrerflucht. Die Schuld stellt das Weltbild der Familie in Frage. Gleichzeitig belebt das gemeinsame Geheimnis die ermüdete Beziehung. Es stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt das "Böse" für unser Glück?

MINICHMAYR: Ich unterscheide nicht so klar zwischen Gut und Böse, dass ich da eine klare Trennlinie ziehen kann. Was Maria betrifft: Sie schleppt sich nicht zur Polizei, weil sie der Angst den Vortritt lässt. Letztlich aber können sie und Niels die Belastbarkeit dieses unglaublichen Problems nicht bewältigen. Das besonders Schöne an diesem Film ist der Epilog. Den darf und will ich aber nicht verraten.

Sie haben in Norwegen gedreht. Wie war's?

MINICHMAYR: Sehr, sehr spannend. Anfangs hatten wir pro Tag nur zweieinhalb Stunden Licht. Den Epilog drehten wir aber in der Mittsommernacht. Ich hatte das Vergnügen, Norwegisch zu lernen. Ich machte das, weil ich vom Drehbuch so überzeugt war, dass in mir ein Ehrgeiz freigesetzt wurde, den ich seinerzeit eher in der Schule gebraucht hätte. In vielen Stunden brachten mir zwei Lehrer alles Nötige bei. Dazu kam noch weitere Aufgabe.

Nämlich?

MINICHMAYR: Maria arbeitet in einer Palliativstation, wo Sterbende ihre verbleibende Zeit mit möglichst hoher Lebensqualität verbringen. Auf diesem Sektor ist Norwegen führend. Ich habe im Wiener Krankenhaus "Zum Göttlichen Heiland" Dienste als Praktikantin gemacht. Es war eine ungemein bewegende Erfahrung, zu sehen, mit welcher Demut und Liebe die Menschen von den Schwestern gepflegt werden.

Zum Thema des Films, in dem Sie Fahrerflucht begehen: Haben Sie einen Führerschein, fahren Sie selbst Auto?

MINICHMAYR: Ja, ich fahre, aber Gott sei Dank wurde ich noch nie in einen Unfall verwickelt.

Sind Sie schon in einem Planquadrat gelandet?

MINICHMAYR: Ja, öfter. Aber kein Problem, weil ich nie trinke, wenn ich fahre.

Zu Ihrer anderen Aufgabe bei der Berlinale 2012: Normalerweise freut man sich, wenn man von einer Jury ausgezeichnet wird. Diesmal sind Sie selbst Jurorin. Ein großer Umstieg?

MINICHMAYR: Ich mache das zum ersten Mal. Von Amnesty International kamen schon öfter Anfragen, diesmal ging es sich aus. Natürlich habe ich ein bisschen Bammel, ob ich dieses Amt mit Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit ausfüllen kann. Jedenfalls muss ich mir 15 Filme anschauen. Prinzipiell finde ich das, was Amnesty macht, großartig, und im Zuge unserer Vorbesprechungen bin ich Mitglied geworden.

Bei der Berlinale haben Sie schon alles erreicht. Möglich wäre nur noch, einen eigenen Film zu inszenieren und für den Goldenen Bären zu kandidieren?

MINICHMAYR: Derlei hat ja Karl Markovics hervorragend vorgemacht. Ich aber spiele momentan überhaupt nicht mit dem Gedanken, weil ich zu viel Respekt vor diesem Handwerk habe. Doch man soll ja nie nie sagen.

Sie sind am Theater, bei Film und Fernsehen extrem gefragt. Keine Erschöpfungszustände?

MINICHMAYR: Alles, was ich zuletzt gemacht habe, waren Projekte, die ich gern machen wollte. Es ist schön, wenn der Beruf so toll läuft. Gleichzeitig ist er für mich wie eine Tankstelle. Man lädt sich damit auf. Gott sei Dank habe ich zwischen dem Wechsel der Materie immer einen oder zwei Monate Zeit. Das reicht.

Sie sind derzeit in München engagiert. Ihr Abgang vom Burgtheater sorgte für viel Aufregung. Wie war das aus Ihrer Sicht?

MINICHMAYR: Es wurden Dinge vermischt, die nicht zusammen gehören. Vieles wurde aufgebauscht. Menschen wurden gegeneinander ausgespielt. In Wirklichkeit ist es so: Das Burgtheater bleibt meine Heimstätte. Die Liebe ist ungebrochen. Doch beschleicht mich immer wieder auch eine Sehnsucht, in eine andere Weitsicht und Weltläufigkeit zu kommen. Und diese Freiheit nehme ich mir.

Der "Spiegel" schrieb über Sie: "Sie ist ungestüm und grob, zerbrechlich und sexy - eine Frau zum Anbeten und Fürchten". Sind Sie wirklich eine Frau zum Fürchten?

MINICHMAYR: Das müssen andere beurteilen.

Im Sommer werden Sie bei den Salzburger Festspielen zum dritten Mal die Buhlschaft spielen. Verlängerung möglich?

MINICHMAYR: Wir besprechen das von Jahr zu Jahr. Doch ich ging immer vom Gedanken aus: Drei Mal ist schön. Also sieht es für mich nach dem letzten Buhlschaft-Sommer aus.

Sie werden im April 35, sind also jetzt in einem Alter in dem sich bei Frauen oft besondere Sehnsucht nach Familie und Kindern einstellt. Wie ist das bei Ihnen?

MINICHMAYR: Ich glaube nicht, dass Karriere und Kinder einander ausschließen. Der Wunsch ist da. Wenn es kommt, kommt es. Wenn nicht, dann nicht. Jedenfalls würde ich das gerne mit einem Partner machen. . . Was nicht wirklich einfach ist. Ich habe Freunde, die getrennt leben und Kinder haben. Das ist extrem anstrengend. Vor allem, wenn sie sich nicht im Guten getrennt haben. Sagen wir so: Fragen Sie mich wieder, wenn ich 40 bin. INTERVIEW: LUIGI HEINRICH


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