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Zuletzt aktualisiert: 22.10.2009 um 07:45 UhrKommentare

Sind Geisteswissenschaften noch geil?

Studienberater prophezeihen düstere Jobaussichten, Industrie und Wirtschaft fordern mehr Techniker, BWLer und Juristen - aber der Zulauf zu den Geisteswissenschaften an der Uni Klagenfurt ist ungebrochen.

Von wegen verstaubt - Geisteswissenschaften sind modern!

Foto © ScheriauVon wegen verstaubt - Geisteswissenschaften sind modern!

Wiener Taxifahrer scherzen sogar, dass Philosophie-Absolventen zugleich mit dem Magisterium auch den Taxischein erwerben sollten - die Studierenden aber trotzen allen Unkenrufen und inskribieren unverdrossen geisteswissenschaftliche Studien. Weshalb sie es sich nicht vermiesen lassen sollen - ein Plädoyer.

"Nur aus Enthusiasmus kann Neugierde entstehen und nur wer neugierig ist, besitzt den Willen zu lernen"

Leonard Bernstein

Wer nur mit Blick auf angeblich rosige Jobaussichten eine der lukrativer erscheinenden Studienrichtungen wählt, der erhöht die Wahrscheinlichkeit, sein Studium überhaupt nicht abzuschließen. Da sind sich Edwin Dobernigg vom AMS Kärnten und der Klagenfurter ÖH-Vorsitzende Stefan Sagl einig: "Bitte das Studium nach Interesse wählen!" Sagl: "Studienziel ist nicht nur das Ablegen von Prüfungen. Man soll auch eine souveräne Persönlichkeit entwickeln. Das geht nicht, wenn man seine eigentlichen Interessen hintanstellt." Mit Leidenschaft für das gewählte Fach gelangt man zu besserer Motivation, Ausdauer und letztlich besseren Leistungen und Qualifikationen als mit lauwarmer Pflichtübung für den akademischen Titel.

"While I was fearing it, it came, but came with less of fear, because that fearing it so long has almost made it dear"

Emily Dickinson

Für Außenstehende mag es so wirken, als könnten Geisteswissenschafter nur in Bibliotheken oder als Lehrer ihr Brot verdienen - oder in fachfremden Bereichen. Aber das Berufsspektrum ist breiter als man denkt. Während des Studiums knüpft man ein Netzwerk an Kontakten und erwirbt Zusatzqualifikationen. Zwar wird im Durchschnitt ein Geisteswissenschafter länger Job suchen als etwa ein Techniker, aber die Chancen für Absolventen stehen generell relativ gut. Slawistik-Professor Tilmann Reuther: "Wenn alle, die Geisteswissenschaften studiert haben, an einem bestimmten Tag die Arbeit niederlegen würden, wäre man überrascht, wie viel still stehen würde." Vermutlich tatsächlich eine Reihe von Taxis, aber auch das öffentliche Leben.

"A pessimist sees the difficulty in every opportunity; an optimist sees the opportunitiy in every difficulty"

Winston Churchill

Geisteswissenschaften können berufsbegleitend, quasi in Teilzeit, studiert werden, im Gegensatz etwa zu Medizin oder Technik. Überdurchschnittlich viele Studierende sind bereits berufstätig - oder auch studierende Mütter - und erwarten sich vom Studium eine Zusatzausbildung und Persönlichkeitsbildung. Flexibilität ist da an der Tagesordnung. Alice Pechriggl, Philosophie-Institutsvorständin der Universität Klagenfurt: "Die wenigsten Menschen wissen zum Beispiel, dass die Harvard School of Economics ihre Studierenden in erster Linie aus Mathematikerinnen und Philosophinnen rekrutiert!" Dies deshalb, weil die Fähigkeit zum abstrakten Denken dort besonders gefragt ist, die man im Philosophiestudium erwirbt.

"The truth ist rarely pure and never simple"

Oscar Wilde

In einer Welt, die immer komplexer wird, sind Menschen gefragt, die damit zurechtkommen. Die mehr als eine Kultur fundiert kennen, die Sprachen beherrschen, Dialoge führen und mit Andersartigkeit umgehen können. So arbeitet eine ganze Reihe von Sprachen-Studierenden etwa als Auslandskorrespondenten, Kulturvermittlern an internationalen Instituten oder in der Unternehmensberatung, wie Anglistik-Institutsvorstand Professor Jörg Helbig schildert. Einige gehen weiter an die Diplomatische Akademie. Philosophen werden gerade in der Finanzkrise in Firmen plötzlich beliebter als Entwickler für neue Konzepte, neue Wege. Ein wachsendes Feld für Geisteswissenschafter ist auch die Erwachsenenbildung. Romanistik-Institutsvorstand Helmut Meter: "Es ist immer persönlichkeitsbildend, wenn man sich mit anderen Kulturen und Denkweisen auseinandersetzen kann."

>"Sapere aude!" - "Wage es deinen Verstand zu gebrauchen!" Horaz, Immanuel Kant

Seit der Aufklärung machen gerade die Geisteswissenschaften den "Kern der Universität" europäischer Prägung aus, betont Slawist Tilmann Reuther. Drastisch drückt es der Autor - und Geisteswissenschafter Christian Felber in seinem Buch "50 Vorschläge für eine gerechte Welt" aus: "Die Umfunktionierung von Schulen und Universitäten zu humanen Rohstofffabriken für die globale Konkurrenz ist ein schwerer Missbrauch am Menschen, der (. . .) langfristig in die geistige und emotionale Armut führt." Und nicht zuletzt weist Germanistik-Institutsvorstand Primus Kucher auf etwas hin: "Studieren ist auch Abenteuer im Kopf." Es macht Freude, die eigene Ausdrucksfähigkeit zu steigern. Es macht Freude, den eigenen Verstand zu schärfen.

ELKE GALVIN

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